Offenstall für Islandpferde: So gelingt die artgerechte Haltung

Jana Eriksen

Jana Eriksen

· 8 Min. Lesezeit
Eine Islandpferdeherde ruht auf einer sandigen Fläche unter Bäumen, ein Pferd liegt im Sand

Islandpferde sind für das Leben im Freien gemacht. Ihr dichtes Fell, ihr Stoffwechsel und ihr Herdenverhalten passen zu einer Haltung, in der sie sich frei bewegen und Kontakt zu Artgenossen haben. Der Offenstall ist deshalb für viele Isländer ein ideales System. Er verlangt aber gute Planung, damit Pferde gesund bleiben und der Betrieb rund läuft. Dieser Beitrag erklärt, worauf es ankommt.

Was ist ein Offenstall?

Ein Offenstall, oft Aktivstall oder Laufstall genannt, ist eine Haltungsform, in der die Pferde dauerhaft Zugang zu Auslauf und Unterstand haben. Sie bewegen sich frei, fressen mehrmals am Tag und leben in der Gruppe. Im Unterschied zur Boxenhaltung können sie Sozialkontakt pflegen und ihr natürliches Verhalten ausleben. Die Details sind je nach Betrieb verschieden: Manche Offenställe haben große Weiden, andere kombinieren Paddocks mit Weidegang.

Für Islandpferde passt das gut, weil die Rasse in Island weitgehend im Freien lebt und an Witterung, Gruppenhaltung und Bewegung gewöhnt ist. Was die Geschichte der Rasse mit der Haltung zu tun hat, zeigt der Beitrag zur Geschichte des Islandpferdes.

Vorteile des Offenstalls

  • Bewegung: Pferde laufen von selbst, was Kreislauf, Gelenke und Hufe unterstützt.
  • Sozialkontakt: Die Herde befriedigt das Bedürfnis nach Gesellschaft.
  • Frischluft: Das beugt Atemwegsproblemen vor, die in schlecht belüfteten Boxen auftreten können.
  • Beschäftigung: Kontakt, Futtersuche und Orientierung im Gelände halten Pferde geistig fit.
  • Fellkomfort: Isländer entwickeln ein dichtes Winterfell und kommen mit Kälte meist gut zurecht, solange sie Schutz vor Nässe und Wind haben. Mehr dazu im Beitrag Fellwechsel beim Islandpferd.

Anforderungen an einen guten Offenstall

Damit Offenstallhaltung funktioniert, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Als Orientierung dienen die Leitlinien des Bundeslandwirtschaftsministeriums zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten sowie die Empfehlungen von Tierärzten und Verbänden. Wichtige Punkte:

  1. Unterstand: Er muss ausreichend groß sein, damit alle Pferde gleichzeitig Schutz vor Regen, Wind und Sonne finden. Die Liegefläche sollte trocken, sauber und eingestreut oder gut drainiert sein.
  2. Platz: Pferde brauchen genug Fläche zum Ausweichen, sonst entstehen Konflikte. Je größer die Gruppe, desto mehr Platz ist nötig.
  3. Wasser: Trinkwasser muss jederzeit zugänglich und frostfrei sein.
  4. Futter: Raufutter sollte dauerhaft oder in kurzen Intervallen verfügbar sein. Fressplätze müssen so gestaltet sein, dass auch rangniedrige Pferde ungestört fressen können.
  5. Boden: Matschige Zonen, besonders an Tränken und Eingängen, sollten befestigt sein, um Hufprobleme wie Mauke zu vermeiden.
  6. Zaun: Er muss sicher sein, ohne Verletzungsgefahr. Elektrozaun ist üblich, muss aber regelmäßig kontrolliert werden.

Herdenzusammenstellung

Eine stabile Herde ist wichtig. Ständiges Wechseln von Pferden führt zu Unruhe und Verletzungen. Bei der Zusammenstellung solltest du auf Alter, Geschlecht, Temperament und Rangordnung achten. Neue Pferde brauchen Zeit, sich einzugliedern. Eine bewährte Methode ist, sie zuerst durch einen Zaun kennenlernen zu lassen, bevor sie gemeinsam auf die Weide kommen.

Islandpferde sind in der Regel sozial verträglich, doch auch bei ihnen gibt es Streit. Beobachte die Herde regelmäßig und greife ein, wenn ein Tier dauerhaft gemobbt wird. Hinweise zum Wesen der Rasse gibt der Rasse-Überblick.

Fütterung im Offenstall

Die Fütterung ist die größte Herausforderung im Offenstall. Islandpferde sind Leichtfuttrer und neigen zu Übergewicht. Wenn sie ständig Zugang zu energiereichem Gras haben, steigt das Risiko für Stoffwechselstörungen und Hufrehe. Deshalb braucht es ein durchdachtes Konzept:

  • Weidezeiten begrenzen, besonders im Frühjahr und Herbst, wenn das Gras zuckerreich ist.
  • Heu in guter Qualität anbieten, gegebenenfalls aus Heunetzen, damit die Pferde langsamer fressen.
  • Kraftfutter nur bei Bedarf, individuell dosiert.
  • Mineralfutter bereitstellen, abgestimmt auf die Grundfutterration.

Details finden sich im Beitrag Fütterung und Hufrehe.

Gesundheitsvorsorge in der Gruppe

Gruppenhaltung bedeutet auch, dass sich Krankheiten schneller verbreiten können. Wichtig sind:

  • regelmäßige Impfungen nach Empfehlung des Tierarztes,
  • Entwurmung nach Kotprobenuntersuchung,
  • Hufpflege alle sechs bis acht Wochen,
  • tägliche Kontrolle der Pferde auf Verletzungen, Lahmheit und Verhaltensänderungen.

Für Pferde mit Sommerekzem ist die Haltung zusätzlich angepasst: Insektenschutz, Unterstände mit Ventilation und gegebenenfalls Ekzemerdecken. Mehr dazu im Beitrag zum Sommerekzem.

Nachteile und typische Probleme

Offenstallhaltung ist nicht für jedes Pferd oder jede Situation passend. Mögliche Schwierigkeiten:

  • Verletzungen durch Rangkämpfe,
  • Futterneid und ungleiche Futterverteilung,
  • Schlammbildung auf stark beanspruchten Flächen,
  • Übergewicht bei zu viel Futter,
  • Mangelnde Kontrolle einzelner Tiere, wenn die Herde groß ist.

Wer ein Pferd neu in einen Offenstall gibt, sollte den Betrieb besichtigen und mit anderen Einstellern sprechen. Auch Betreiber sollten bereit sein, Fragen zu beantworten.

Offenstall und Reiten

Für Reiter bietet Offenstall Vorteile: Die Pferde sind meist fit, ausgeglichen und leicht zu motivieren. Zugleich sollte das Training angepasst werden. Pferde, die den ganzen Tag laufen, sind oft weniger „aufgeladen" und leichter zu entspannen. Vor dem Reiten ist ein sauberes Putzen wichtig, weil Schmutz und Schlamm im Fell zu Druckstellen unter dem Sattel führen können. Mehr zur Ausrüstung im Beitrag Sattel und Zaumzeug.

Kosten und Aufwand

Offenstallplätze sind je nach Betrieb unterschiedlich teuer. Oft sind sie günstiger als Boxen, bieten aber nicht immer dieselben Dienstleistungen. Frage nach, was im Preis enthalten ist: Futter, Misten, Weidepflege, Wasser, Unterstand. Eine Übersicht zu allen laufenden Kosten liefert der Beitrag Kosten eines Islandpferdes.

Kurz beantwortet

Wie viel Platz braucht ein Pferd im Offenstall? Orientierung bieten die Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen und die Empfehlungen von Tierärzten. Die benötigte Fläche hängt von Gruppengröße, Bodenbeschaffenheit und Weidezugang ab.

Brauchen Islandpferde im Offenstall eine Decke? Meist nicht, wenn sie gesund sind, ausreichend fressen und Schutz vor Nässe und Wind haben. Für kranke, alte oder dünne Tiere kann eine Decke sinnvoll sein.

Wie gehe ich mit Rangordnungsstreit um? Beobachte die Herde, sorge für ausreichend Fressplätze und Rückzugsmöglichkeiten und trenne Pferde nur im Notfall. Bei dauerhaften Problemen hilft ein erfahrener Trainer.

Ist der Offenstall für Sommerekzemer geeignet? Ja, wenn Insektenschutz und Pflege organisiert werden. Ein Stall mit Ventilator oder Zugang zu windigen Flächen kann helfen.

Fazit

Der Offenstall kommt den Bedürfnissen von Islandpferden sehr entgegen: Bewegung, Herde, Frischluft und Witterungsschutz. Damit er gelingt, braucht es Platz, sauberen Boden, ein gutes Futterkonzept und aufmerksame Betreuung. Wer diese Punkte beachtet, schafft ein Zuhause, in dem Isländer gesund und zufrieden alt werden können.

Bildnachweis: Titelbild von Ökologix, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Jana Eriksen

Über Jana Eriksen

Jana Eriksen schreibt für IcelandHorse Shop über Islandpferde – von Rasse und Gangarten bis zu Haltung, Kauf und Reisen. Ihr Anspruch: geprüfte Informationen in verständlicher Sprache, ohne Schönfärberei.

Ähnliche Beiträge