Das Islandpferd ist eine der ältesten, am besten erhaltenen Pferderassen Europas. Wer verstehen will, warum Isländer so robust, trittsicher und zugleich so menschenbezogen sind, muss in die Geschichte der Insel schauen. Dieser Beitrag zeichnet die wichtigsten Stationen nach: von der Landnahme über das Einfuhrverbot bis zur Entstehung der modernen Zucht und der weltweiten Verbreitung.
Die Landnahme: Pferde an Bord
Island wurde ab etwa 870 von Siedlern aus Skandinavien und von den Britischen Inseln besiedelt. Sie brachten Vieh, Schafe und Pferde mit, denn ohne Tiere war ein Leben auf der Insel kaum möglich. Welche Pferde genau auf den Schiffen standen, lässt sich nur eingeschränkt rekonstruieren. Fest steht: Aus diesen Tieren entwickelte sich eine eigene Population, die sich im Lauf der Jahrhunderte an das raue Klima anpasste.
Pferde waren für die Menschen mehr als Arbeitstiere. Sie dienten als Reittiere, zum Packen und Ziehen, aber auch kulturell und religiös spielten sie eine Rolle. In den überlieferten Sagas werden Pferde als Gefährten, Statussymbole und sogar als Kämpfer bei Pferdekämpfen (hestaat) beschrieben. Die Quellen sind literarisch und nicht in allen Details historisch gesichert, sie zeigen aber, wie wichtig das Pferd im Alltag war.
Das Einfuhrverbot: der Schlüssel zur Reinzucht
Eine Besonderheit prägt die Rasse bis heute: Island verbot früh die Einfuhr fremder Pferde. Nach der Überlieferung wurde schon im Jahr 982 auf dem Althing, der alten Volksversammlung, beschlossen, keine weiteren Pferde einzuführen. Das Datum ist traditionell überliefert; unabhängig davon steht fest, dass es seit sehr langer Zeit keine Einkreuzungen mehr gab.
Dieses Verbot gilt in seiner modernen Form bis heute. Zusätzlich dürfen Islandpferde, die Island einmal verlassen haben, nicht zurückkehren. Diese Regel schützt die Population vor eingeschleppten Krankheiten. Weil die Tiere auf der Insel kaum mit vielen Erregern in Kontakt kamen, wären sie besonders anfällig. Dasselbe Prinzip erklärt, warum Isländer außerhalb Islands häufiger Sommerekzem bekommen: In Island gibt es die verursachenden Gnitzen nicht. Mehr dazu im Beitrag zum Sommerekzem.
Natürliche Auslese durch das Klima
Island ist kein einfacher Lebensraum. Lange Winter, Wind, Kälte und karge Weiden führten dazu, dass nur widerstandsfähige Tiere überlebten. Besonders hart wirkten Naturkatastrophen. Nach dem Ausbruch der Laki-Spalte 1783/84 brachen die Viehbestände auf der Insel ein, auch viele Pferde starben. Die Population erholte sich, doch die Ereignisse verdeutlichen, wie stark Klima und Vulkane die Rasse beeinflusst haben.
Aus dieser natürlichen Selektion stammen Eigenschaften, die heute geschätzt werden: Genügsamkeit, ein dichtes Fell, harte Hufe, Ausdauer und eine ausgeprägte Herdenbindung. Wie wichtig dieses Erbe für die Haltung ist, zeigt der Beitrag zum Offenstall.
Das Pferd als Verkehrsmittel
Bis ins 20. Jahrhundert gab es in Island kaum Straßen und nur wenige Brücken. Flüsse mussten durchquert, Lava- und Geröllfelder überwunden werden. Das Pferd war das wichtigste Transportmittel. Die Tiere mussten trittsicher, ausdauernd und nervenstark sein. Viele der typischen Eigenschaften – Trittsicherheit, Zuverlässigkeit im Gelände und die Gangart Tölt, die lange Strecken bequem macht – haben mit dieser Nutzung zu tun.
Der Tölt ist heute das Markenzeichen der Rasse. Wie er funktioniert, erklärt der Beitrag zum Tölt; einen Überblick über alle Gangarten gibt der Artikel Fünf Gangarten.
Export und Verbreitung
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Islandpferde auch ins Ausland verkauft, etwa nach Großbritannien, wo sie unter anderem in Bergwerken als Arbeitstiere eingesetzt wurden. Ihre Zähigkeit machte sie dafür geeignet. In Mitteleuropa kamen Islandpferde vor allem ab der Mitte des 20. Jahrhunderts als Freizeitpferde in Mode. In Deutschland entwickelte sich daraus eine große Szene mit Zuchtbetrieben, Reitvereinen und Turnieren.
Heute gibt es Islandpferde in vielen Ländern Europas und darüber hinaus. Die Rasse wird von nationalen Verbänden betreut; in Deutschland ist das der IPZV e. V., international koordiniert der Dachverband Föderation FEIF die Zusammenarbeit der Länder. Die Zucht folgt gemeinsamen Zuchtzielen, in denen neben Körperbau und Gesundheit auch Gangveranlagung und Charakter eine Rolle spielen.
Die Zucht heute
Moderne Islandpferdezucht verbindet Tradition und Wissenschaft. Zuchtschauen bewerten Körperbau, Gänge und Reiteigenschaften. Die Ergebnisse werden zentral dokumentiert, sodass Abstammungen nachvollziehbar sind. Gleichzeitig achten Züchter auf Gesundheit und Wesen, weil Isländer als Familien- und Freizeitpferde besonders gefragt sind.
Wer ein Tier kaufen möchte, sollte nicht nur die Papiere, sondern auch Haltungsbedingungen und Ausbildung prüfen. Hinweise dazu stehen im Kaufratgeber und im Beitrag zur Ankaufsuntersuchung.
Was bleibt von der Geschichte?
Die Geschichte erklärt viel vom Wesen der Isländer: Sie sind genügsam, belastbar, zuverlässig, aber auch eigenständig. Sie haben gelernt, Entscheidungen selbst zu treffen, wenn der Mensch sie nicht trifft. Diese Selbstständigkeit macht sie zu hervorragenden Gelände- und Wanderpferden, verlangt aber vom Reiter Konsequenz und Respekt. Mehr zum Charakter erfährst du im Rasse-Überblick.
Kurz beantwortet
Wann kamen die ersten Pferde nach Island? Mit den ersten Siedlern in der Landnahmezeit, die traditionell ab etwa 870 datiert wird. Wie viele Tiere es waren und woher sie genau stammen, lässt sich nur eingeschränkt belegen.
Warum dürfen Islandpferde nicht zurück nach Island? Das Verbot schützt die isolierte Population vor eingeschleppten Krankheiten, gegen die die Tiere keine Abwehr aufgebaut haben. Es gilt auch für Pferde, die nur für Turniere im Ausland waren.
Sind Islandpferde mit anderen Rassen verwandt? Die Vorfahren gehören zur Gruppe nordeuropäischer Pferde. Seit der langen Isolation entwickelte sich die Rasse aber eigenständig. Wie weit einzelne Linien zurückreichen, ist Gegenstand genetischer Forschung.
Wie groß ist die Rolle der Sagas? Sie liefern Hinweise auf den Alltag mit Pferden, sind aber literarische Quellen. Historische Details sollte man daher vorsichtig bewerten.
Fazit
Das Islandpferd ist das Ergebnis von mehr als tausend Jahren Isolation, natürlicher Auslese und enger Zusammenarbeit mit dem Menschen. Das Einfuhrverbot bewahrte die Rasse, das Klima formte sie, und der Alltag der Insel machte sie zum verlässlichen Partner. Wer ein Islandpferd reitet, setzt diese Geschichte fort.
Bildnachweis: Titelbild von Fotograf unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Über Jana Eriksen
Jana Eriksen schreibt für IcelandHorse Shop über Islandpferde – von Rasse und Gangarten bis zu Haltung, Kauf und Reisen. Ihr Anspruch: geprüfte Informationen in verständlicher Sprache, ohne Schönfärberei.



